WINKELHOCK

Manfred Winkelhock - Der Allroundpilot

In der Formel 1 war der BMW-Junior neben Stefan Bellof die große deutsche Rennhoffnung. Tom Distler erinnert sich für Motorsport Yesterday...

ATS-BMW von 1984, Motorsportmuseum Hockenheim (c) Tom Distler
ATS-BMW von 1984, Motorsportmuseum Hockenheim (c) Tom Distler


"Die Junioren haben BMW-Rennleiter Jochen Neerpasch treuherzig angeschaut, zu allen brav genickt und sind sich dann gegenseitig ins Auto gefahren. Das war schon eine sehr wilde Zeit." (Dieter Stappert in MSA, 2005)

Nach dem Start erst einmal an die Spitze zwängen und dann davonziehen – mit dieser Taktik gewinnt Manfred Winkelhock den VW-Junior-Cup 1976 in überlegener Manier und empfiehlt sich für höhere Aufgaben: Hockenheim 1977. Im Rahmenprogramm der Formel 1 liefern sich die Nachwuchsfahrer von BMW ein spektakuläres Windschattenduell um Platz zwei. Sie bieten alles, was das Motorsportherz begehrt: pausenlose Positionswechsel. Mal liegt Marc Surer vorne, mal Eddie Cheever. Als Winkelhock die Spitze des Dreierpulks übernimmt, wird der 320er mit dem Würth-Streifen immer breiter und kann sich unter dem Gejohle der Zuschauer absetzen. Überflüssigerweise fährt der Amerikaner dahinter auch noch dem Schweizer ins Auto. 

Neerpasch ist wenig begeistert und stellt sein Trio zur Rede. Manfred wehrt sich und beteuert, dass mit ihm niemand etwas besprochen habe: "Es war ja alles nur auf Englisch – ob ich das verstehe, kümmert ja keinen." Doch die Dreierbande lernt schnell und fährt den etablierten Stars ordentlich um die Ohren. Vor allem Manfred zeigt im Tourenwagen ein Feingefühl und ein Verständnis für das Material, das seinesgleichen sucht. Nach einem Sieg in Zolder beendet er die Deutsche Rennsportmeisterschaft als Gesamtdritter und Klassenbester vor Hans Heyer, Surer und Cheever. BMW finanziert anschließend den Aufstieg in die Formel 2...


"An zweiter Stelle bekommt der durch den Spritverbrauch immer leichter gewordene March Aufwind, überschlägt sich erst rückwärts in der Luft und dann in mehreren Rollen seitwärts. Winkelhock hopst mit einem Satz aus den Resten..." (Erich Kahnt in Die Deutschen in der Formel 1)

Manfred beendet seine Debütsaison mit einem Podestplatz im March-BMW als Achter. Europameister wird sein erfahrener Teamkollege Bruno Giacomelli. Da sich BMW 1979 auf die Procar-Serie konzentriert, fehlen dem Waiblinger wichtige Geldgeber. Ein glanzvoller dritter Platz beim Eifelrennen in einem alten, unterlegenen Cassani-Ralt sorgt für Aufsehen, während sein Freund Marc Surer den Titel holt. In der Deutschen Rennsportmeisterschaft wird Winkelhock im Schnitzer-BMW erneut Gesamtdritter. 

1980 folgt die Rückkehr ins March-Werksteam. Robin Herd ist sehr angetan vom Waiblinger und schätzt sowohl seine fahrerischen Qualitäten als auch seine sympathische Art im Umgang mit den Mechanikern. Die Saison verläuft jedoch etwas glücklos. Ein siebenfacher Salto beim Eifelrennen auf dem Nürburgring am Streckenabschnitt "Flugplatz" macht Manfred schließlich auf einen Schlag berühmt. Er übersteht seine Flugeinlage bis auf einen kleinen Kratzer am Arm unverletzt. Die Bilder des Unfalls laufen weltweit in sämtlichen Sportsendungen. Im September sitzt Manfred beim Grand Prix von Italien in Imola erstmals in einem Formel-1-Arrows, scheitert jedoch als 26. knapp an der Qualifikationshürde. Zurück in der Formel 2 steht Winkelhock 1981 wieder – wie so oft – in der ersten Startreihe und kämpft um die vorderen Plätze, doch eine Zielflagge sieht er selten...


"Der Manfred war ein ganz sympathischer Fahrer. Wir sind zusammen nach Portugal geflogen, als er sein Formel 1 - Rennen im Brabham fuhr. Ich hab die Zeit miterlebt und sagte, siehst du mein Freund, du bist jetzt plötzlich richtig gut, weil du ein gutes Auto hast." (Hubert Hahne zu Motorsport Yesterday, 2005)

1982 erhält Winkelhock einen Formel-1-Vertrag beim Bad Dürkheimer Felgenfabrikanten Günter Schmid, gemeinsam mit dem Chilenen Eliseo Salazar im ATS-Ford-Team. In Kyalami startet er als Zehnter in seine erste Formel 1-Saison, und in Rio de Janeiro springt dank der Disqualifikation von Piquet und Rosberg ein fünfter Platz heraus. Nach drei Nichtqualifikationen in Montreal, Brands Hatch und Monza, einigen Ausfällen – in Detroit nach einem hervorragenden fünften Startplatz – sowie der Aberkennung eines sechsten Platzes in Imola wegen eines zu leichten Autos sollten dies seine beiden besten Platzierungen in diesem Jahr bleiben. 

Aber bereits 1983 kann sich der Schwabe im umgestellten Ein-Wagen-Team mit neuem BMW-Turbomotor etablieren. So sichert sich Manfred in den Trainings neunmal einen Startplatz unter den ersten zehn Fahrern. Doch wegen einer endlosen, frustrierenden Ausfallserie aufgrund technischer Mängel reicht es nicht für die Punkteränge. 

Auch 1984 ändert sich daran nichts, und so wird Winkelhock nach dem Großen Preis von Deutschland in Hockenheim von Gerhard Berger abgelöst. Am Ende der Saison wird Manfred als Ersatz für Teo Fabi ins Brabham-Team berufen. In Estoril fährt er ein eher unauffälliges Rennen und belegt nach Startplatz 19 den zehnten Rang. Teamkollege Piquet steht auf der Pole und wird Sechster. 

Winkelhock landet 1985 zusammen mit Konstrukteur und Freund Gustav Brunner beim kleinen britischen RAM-Rennstall. Erfolge bleiben mit acht Einsätzen und nur drei Zielankünften weiterhin aus, denn die Hart-Motoren erweisen sich als viel zu unzuverlässig...


"Die Formel 1 lohnt sich ohne gutes Auto einfach nicht. Außerdem ist sie viel zu gefährlich. Glaub mir, nach dem Sieg mit dir in Monza bin ich wieder glücklich und richtig motiviert. Ich möchte nur noch Sport- und Tourenwagenrennen fahren." (Manfred Winkelhock zu Marc Surer, 1985)

Sportliche Befriedigung fand Manfred im Langstreckenrennsport. Mit BMW und Porsche erzielt er in der IMSA-Serie, im Tourenwagensport und in der Sportwagen-Weltmeisterschaft achtbare Ergebnisse. In der Endurance-Weltmeisterschaft teilt sich Winkelhock mit Marc Surer einen Kremer-Porsche. Drei Podestplatzierungen in Mugello, Monza und Silverstone zum Saisonauftakt 1985 bieten eine gute Ausgangsposition für die Meisterschaft.

Beim sechsten Saisonlauf am 11. August in Mosport, Kanada, kommt es zur Tragödie. Die Unfallursache ist bis heute nicht vollständig geklärt. Winkelhock dürfte sich an einer Kante im Belag eine Delle im rechten Vorderrad zugezogen haben, was zu einem schleichenden Plattfuß führte. In der nächsten Linkskurve hat der Porschefahrer keine Chance mehr zu korrigieren und prallt mit etwa 200 km/h frontal gegen eine Mauer. Er fällt sofort ins Koma, aus dem er nicht mehr erwacht.

Der Familienmensch Manfred wird nur 33 Jahre alt und hinterlässt seine Frau Martina sowie die Kinder Markus (5) und Marina (2). Der heimatverbundene Schwabe aus Berglen-Steinbach war ein natürlicher, sympathischer und offener Mensch, der oft eigensinnig, aber stets kämpferisch seine Ziele verfolgte. Er galt als sparsam, zeigte sich jedoch sehr großzügig, wenn es um seine Familie ging. Auch seine Freunde lud er gerne ein, spielte mit ihnen Karten, ging Surfen oder Rad fahren. Sein größter Traum war es, einmal die Welt zu umsegeln... 



Motorsportmuseum Hockenheim (c) Tom Distler
Motorsportmuseum Hockenheim (c) Tom Distler
Motorsportmuseum Hockenheim (c) Tom Distler
Motorsportmuseum Hockenheim (c) Tom Distler


Quellen: Zeitungsarchiv Motorsport Yesterday, Erich Kahnt "Die Deutschen in der Formel 1", Marc Surer und Matthias Brunner "Motorsport Explosiv", Hubert Hahne im Gespräch.

Aufruf: Wir möchten die Erinnerung an die deutschen Grand-Prix-Piloten der guten alten Zeit lebendig halten. In der Formel 1 aktiv waren Stommelen (1969-1978), Mass (1973-1982), Stuck (1974-1979), Ertl (1975-1978), Winkelhock (1982-1985) oder Bellof (1984-1985). Du hast einige dieser Fahrer noch persönlich erlebt oder sogar kennengelernt und möchtest deine Fotos, Geschichten oder Anekdoten mit uns teilen? Dann freuen wir uns sehr auf deine Nachricht: f1yesterday@gmx-topmail.de (Danke!)


Jochen Mass - Das Interview: www.motorsport-yesterday.de/mass

Hans Stuck - Der große Blonde: www.motorsport-yesterday.de/stuck

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