REUTEMANN
Carlos Reutemann - Der Volksheld
Seine Klasse ist unbestritten. Der charismatische Argentinier gehörte zum Kreis der Champions, doch Selbstzweifel und fehlender Rückhalt im Team verhinderten den Titelgewinn. Tom Distler berichtet für Motorsport Yesterday.

"Die Scheitelpunkte jeder einzelnen Kurve zählen. Jede Bodenwelle zählt. Mann muss Gefühl für die Konturen der Piste bekommen und jede Veränderung des Belages spüren. Bei einer langsamen Runde archiviere ich alle Details im Kopf. Wenn ich eins mit dem Rennwagen geworden bin und den Ausgang der Kurve schon vor dem Einlenken sehe, folgt eine wirklich schnelle Runde..." (Carlos Reutemann, F1-Racing)
WM-Auftakt 1972 in Buenos Aires. Carlos Reutemann betritt die Formel 1-Bühne. Die erste Ausfahrt. Das erste Training. Pole Position! Ein Paukenschlag! An guten Tagen ist Carlos unschlagbar und strahlt grenzenloses Selbstvertrauen aus. Doch es gibt auch eine andere Seite: scheu, unsicher, zweifelnd und zurückhaltend. Diese Gegensätze prägen seine gesamte Rennkarriere, die 1965 mit zwei Titeln im Tourenwagen beginnt. In der nationalen Formel 2 gewinnt Carlos zehn von zwölf Rennen.
Abenteuerlich ist seine Familiengeschichte: Großvater Reutemann stammt aus Guntalingen, einem kleinen Dorf im Kanton Zürich. Der Schweizer wandert 1895 nach Argentinien aus und baut in der Provinz Santa Fe für seine neun Kinder und zahlreiche Enkel – wohl um die 50 – eine große Farm. Enkel Carlos Alberto erblickt am 12. April 1942 das Licht der Welt, besucht eine Jesuitenschule und versorgt die Ferkel. Dies bringt ihm den Spitznamen "El Lole" ein, was so viel wie "das Schweinchen" bedeutet. Zu seinen weiteren Interessen zählen Turnen, Fußball und die Naturwissenschaften – und natürlich Autos, Autos, Autos. Soweit, so gut. Die staatliche Mineralölgesellschaft YPF und Héctor Staffa vom Automobilclub ermöglichen den Sprung nach Europa. Im Gepäck: zwei Brabham-BT30-F2-Rennwagen, einige Mechaniker und acht Motoren.
Saisonstart auf abtrocknender Strecke in Hockenheim. Bei der Einfahrt ins Motodrom ist Reutemann der Letzte auf der Bremse und schickt gleich einmal die "halbe Weltelite" ins Gras. Mittendrin: "Formel-2-König" Jochen Rindt, der sich diesen "Indianer" zurück in den Urwald wünscht. Doch Klasse setzt sich durch. 1971 wird Reutemann Formel 2-Vize-Europameister hinter Ronnie Peterson. Und in Argentinien findet ein Formel 1-Lauf statt: Rolf Stommelen steht auf Pole, Chris Amon gewinnt und Reutemann wird mit einem geliehenen McLaren M7C von Jo Bonnier starker Dritter. Punkte gibt es nicht, da der Grand Prix kein Bestandteil der Weltmeisterschaft ist. Doch der Brite Bernie Ecclestone kauft das F1-Team von Brabham, behält Altmeister Graham Hill und holt sich den schnellen Carlos ins Cockpit…
"Der Start ist immer der schwierigste Teil eines Grand Prix. Vielleicht widme ich ihn zu viel Aufmerksamkeit. Vielleicht bin ich hier zu vorsichtig. Doch wenn sich der Qualm der ersten Runden gelegt hat, dann nehme ich die Herausforderung des direkten Zweikampfes gerne an..." (Carlos Reutemann, Grand Prix International 1981)
Formel-1-Debüt im Brabham BT34: Konfettiregen und Schlachtgesänge für "Lole". 70.000 Zuschauer wollen den neuen Juan Manuel Fangio siegen sehen. Doch der Lokalmatador geht unnötige Risiken ein, startet mit den superweichen Reifen, die in der Hitze schnell abbauen, und fällt auf Platz sieben zurück. Sensationell geht es weiter: In Interlagos steht Reutemann bereits ganz oben auf dem Treppchen. Der erste Sieg – doch der brasilianische Grand Prix zählt noch nicht zum WM-Kalender. Im Training zum F2-Lauf von Thruxton zieht sich Reutemann einen Knöchelbruch zu, der ihn zu einer längeren Pause zwingt. Wilson Fittipaldi kommt ins Team. Die ersten Punkte holt er in Kanada mit Platz vier.
Der stille und zurückhaltende Argentinier hat nur wenige Freunde; er lebt mit seiner Frau Mimicha und Tochter Cora in einem Londoner Appartement. Er liest die Times, spielt Tennis oder Golf und besucht Konzerte. 1973 wird Reutemann im Team bestätigt, führt in Spanien und wird zweimal Dritter. Er bringt den Sponsor Martini zu Brabham. Doch die großen Erfolge auf der Strecke bleiben aus. Carlos hinterfragt jede Rennsituation, grübelt und verzweifelt immer mehr. "Du solltest weniger denken und mehr Gas geben", meint Bernie trocken.
1974 verliert der Nationalheld im emotional aufgeladenen Buenos Aires zwei Runden vor Schluss die Führung wegen Treibstoffmangels. Doch in Kyalami kann Reutemann endlich seinen ersten Sieg feiern. Zusammen mit dem Südafrikaner Gordon Murray, der den BT44 entwarf, siegt Lole auch in Österreich und Watkins Glen. Für den Titelgewinn sind seine Leistungen jedoch noch zu unbeständig, sodass er die Saison als WM-Sechster beendet.
1975 kommt Carlos Pace ins Team. Der Brasilianer ist charmant, umgänglich und pflegt einen aggressiven Fahrstil. Reutemann fährt eine rundere Linie und feiert auf dem anspruchsvollen Nürburgring seinen einzigen Sieg. Die Platzierungen werden konstanter – mit sechs Podestplätzen – und so steht am Saisonende der dritte Gesamtrang hinter Niki Lauda und Emerson Fittipaldi zu Buche.
"Sein Anblick lässt Mädchenherzen höherschlagen, dennoch widmet er sich nur seiner Familie und dem Rennsport. Keine Bars, keine Parties. Carlos lebt im Jimmy Conners-Stil, benutzt andere Hotels als seine Konkurrenten, isoliert sich und lernt gegen seine Natur zu hassen." (Esteban Garcia, Journalist 1978)
Ein Motorenwechsel von Ford zu Alfa lässt Brabham 1976 ins Mittelfeld abrutschen. Reutemann wird unzugänglicher, seine Stimmung schwankt, während Pace psychologisch die Oberhand gewinnt. Das nutzt Ferrari aus, da Lauda nach seinem Feuerunfall auf dem Nürburgring in der Klinik liegt. Enzo Ferrari und Luca di Montezemolo überreden Carlos Reutemann zum sofortigen Wechsel. Ecclestone verlangt 100.000 Dollar. Lole überwindet seinen Stolz, kauft sich bei Brabham frei und gibt in Monza für Ferrari Gas. Da Niki Lauda überraschend früh zurückkehrt, setzt die Scuderia drei rote Renner ein. Die Überseerennen fährt Clay Regazzoni, der 1977 durch Reutemann ersetzt wird.
Saisonauftakt in Argentinien: Platz drei im Autódromo Oscar y Juan Gálvez im Parque Almirante Brown. Nach Platz eins beim Hitzerennen in Brasilien reist Reutemann als WM-Leader nach Südafrika. Lauda hadert, und zwischen den Teamkollegen herrscht Eiszeit – Beziehungsstatus: nicht vorhanden. Der Österreicher kennt das Team, die Abläufe und jede Schraube und nutzt fortan auch alle Vorteile für sich. Reutemann schwankt und wird WM-Vierter. Lauda holt drei Siege, seinen zweiten Titel, steigt aus und wechselt zu Brabham. Gilles Villeneuve übernimmt sein Cockpit und versteht sich auf Anhieb gut mit Carlos…
"Ich würde nie etwas gegen Villeneuve und Ferrari sagen. Es war eine sehr glückliche Zeit für mich, doch die Atmosphäre war etwas angespannt. Es gab eine Dauerromanze zwischen Ferrari und Scheckter. Ich wäre gerne geblieben..." (Carlos Reutemann, Stars der Formel 1)
Wenige Tage vor dem Saisonstart: strahlender Sonnenschein, ein Familienausflug der Reutemanns im Motorboot auf dem Río Paraná bei Santa Fe. Plötzlich zieht ein Sturm auf, und das Boot zerlegt sich langsam in seine Bestandteile. Der argentinische "Renngott", seine Frau und die beiden Töchter retten sich gerade noch auf eine kleine Insel. Im argentinischen Fernsehen wird eine Vermisstenmeldung ausgestrahlt, Suchmannschaften entdecken die Wrackteile. Die Nation ist besorg. Nach 13 Stunden findet ein Helikopter die Gestrandeten.
Die Saison kann beginnen. Reutemann fährt wie befreit und mischt vorne mit, doch dann bereiten die Reifen Probleme. Beim Grand Prix von Brasilien sind Pedale und Schalthebel glühend heiß. In alle Autos werden Luftschläuche und Trinkflaschen eingebaut. Carlos liebt Hitzerennen, blüht wieder auf und gewinnt überlegen. Weitere Siege in Long Beach, Brands Hatch und Watkins Glen bringen Lole mit 48 Punkten den dritten Gesamtrang. Der Lotus 79 mit seinem neu erfundenen Ground-Effekt ist zu stark. Mario Andretti holt den Titel. Villeneuve gewinnt seinen ersten Grand Prix in Montreal und wird immer mehr zum Liebling der Tifosi.
Reutemann wechselt zu Lotus. Er liebt den ruhigen, gelassenen Lebensstil der Engländer. Viel mehr gibt die Saison 1979 nicht her. Das enge, schmale Cockpit macht ihm zu schaffen. Die Entwicklung des neuen Lotus 80 schreitet nur langsam voran. Das Team versinkt im Mittelmaß. Carlos wechselt – zum Unmut von Andretti – zurück ins Vorjahresauto, holt Podestplätze und sammelt mehr Punkte. Ligier und Ferrari sind auf der Siegerstraße. Ferrari-Nachfolger Scheckter wird Weltmeister. Auffällig ist der Williams FW07: Alan Jones dominiert die zweite Saisonhälfte, aber Frank Williams schwärmt seit Kalifornien von Reutemann...
"Seit Beginn meiner Karriere bin ich immer zur Startlinie gefahren mit dem Vorhaben, das Rennen zu gewinnen. Jetzt wollte man, dass ich den Sieg verschenke, einfach so. Ich war in einem Dilemma. Wenn ich das mache, dachte ich mir, dann halte ich den Wagen hier an, mitten auf der Strecke, und fliege sofort zu meiner Farm nach Argentinien. Fertig..." (Carlos Reutemann zu Nigel Roebuck, 1981)
Carlos Reutemann ist unzufrieden, kauft sich frei und unterschreibt bei Frank Williams einen Vertrag als Nummer zwei. Blick ins verregnete Fürstentum: Mimicha genießt das Wochenende, High Life ist angesagt. Carlos ist kein Party-Löwe. Er zieht sich lieber mit seinen Trainingsprotokollen ins Hotelzimmer zurück und lässt sich vor dem Fernseher ein Steak mit Salat schmecken. Am Sonntag gewinnt der "Indianer" mit profillosen Reifen und offenem Visier den prestigeträchtigsten Grand Prix der Saison. In Imola zeigt Carlos seine kämpferische Seite. Er kommt als Letzter aus der ersten Runde und landet trotz defekter Kupplung auf dem Podium. Auch sein Ausflug in die Rallye-Welt ist stark: Beim Weltmeisterschaftslauf in Argentinien belegt der Lokalmatador Platz drei hinter Walter Röhrl und Hannu Mikkola. Die Saison kann sich sehen lassen – mit acht Podestplätzen, 42 Punkten und WM-Rang drei. Alan Jones gewinnt den Titel knapp vor Nelson Piquet.
Reutemann will 1981 Weltmeister werden. Er ist hochmotiviert und hofft auf Gleichberechtigung. Die Saison beginnt gut: Auftaktsieg im Regen von Kyalami. Allerdings erhält der Grand Prix wegen der Verbandsstreitigkeiten zwischen FISA und FOCA keinen WM-Status. Auch in Long Beach führt der Argentinier, doch Jones überrumpelt ihn und staubt den Sieg ab. In Rio geht Lole über Wasser und kontrolliert den Grand Prix erneut von der Spitze aus. Doch kurz vor Rennende sieht er die Boxentafel "JONES-REUT". Reutemann ist fassungslos, zögert und widersetzt sich der Anweisung. Es kommt zum Bruch mit Jones und dem Team...
"Es bleibt noch ein langer Weg. Ich muss mir den Rest der Saison gut durchdenken. Im Moment läuft alles bestens - zu gut eigentlich, und das macht mir Sorgen. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich ein bisschen allein..." (Carlos Reutemann zu Nigel Roebuck, 1981)
Der WM-Führende betritt das Motodrom: braungebrannt, strahlend, mit blauen Augen. Er bewegt sich ruhig, konzentriert und zurückhaltend durchs Fahrerlager, stets begleitet von einem Rudel Journalisten und rund 50 Menschen in seinem Windschatten. Die Menge tobt, brüllt und jubelt ihrem Helden zu. Lole bleibt unbewegt; nur hin und wieder huscht ein bescheidenes Lächeln über sein Gesicht. Zweiter in der Heimat – nur Piquet ist etwas schneller.
Reutemann gibt weiter Gas und dominiert Jones auch im Training (10:5). Er wird Dritter in San Marino und Erster in Belgien. Von Zolder 1980 bis Zolder 1981 fünfzehnmal in Folge in den Punkten – ein Formel-1-Rekord! Doch das Training wird von einer Tragödie überschattet: Der junge Osella-Mechaniker Giovanni Amadeo stürzt von der Boxenmauer und wird von Reutemanns Williams erfasst. Carlos ist schockiert, aber mental stark genug, um das Rennen zu gewinnen. Er fliegt nach Italien und besucht die Eltern des Unfallopfers.
Eine emotionale Achterbahnfahrt. Der Argentinier führt die Meisterschaft seit Brasilien an. Nach 9 von 15 Rennen mit 43 Punkten deutlich vor Piquet (26) und Jones (24). Unterstützung vom Team? Fehlanzeige! In Hockenheim bekommt Jones den stärkeren Motor ins Heck. Die Kälte im Team wirkt sich immer mehr auf sein Selbstvertrauen aus. Bis Saisonende fährt er nur noch zweimal in den Punkte. Nelson Piquet holt mächtig auf und liegt nur noch einen Punkt hinter Carlos (49:48).
Showdown in Las Vegas: ein künstlicher Rennkurs auf dem Hotelparkplatz des Caesars Palace. Reutemann sichert sich die Pole Position. Im Rennen läuft dann nichts mehr zusammen. Zusätzliche Getriebeprobleme entmutigen ihn immer mehr, und er wehrt sich nicht, als Piquet im Rückspiegel immer größer wird. Lole ist zu aufrecht und zu stolz, um den Brasilianer zu blockieren oder ihn in Richtung Mauer zu drängen. Piquet rollt als Fünfter über die Ziellinie. Total erschöpft und nahe am Hitzschlag, wird er von seinen Brabham-Leuten als Weltmeister aus dem Auto gehoben. Reutemann kommt als enttäuschender Achter ins Ziel, von Alan Jones überrundet, der das Rennen gewinnt und sich vom gemeinsamen Team feiern lässt. Wortlos verschwindet er aus der Box …
"Ich wurde plötzlich sehr müde. Es machte keinen Spaß mehr. Ich war Rennfahrer, weil ich gerne schnell fuhr, und weil ich es liebte, einen Wagen präzis zu fahren. Und aus diesem Grund konnte ich die Schürzenwagen nicht leiden. Was das Verschenken der Weltmeisterschaft betrifft, hab ich immer gesagt, wenn es passiert, fein, dann passiert es. Wenn nicht, das Leben geht weiter..." (Carlos Reutemann zu Nigel Roebuck, 1982)
Carlos Reutemann erklärt seinen Rücktritt, lässt sich von Frank Williams zum Weitermachen überreden und beendet seine Karriere nach dem Saisonauftakt – trotz eines Podiums in Südafrika – endgültig. Lole zieht sich ins Privatleben zurück. Seit 1991 zählt er zu den beliebtesten und glaubwürdigsten Politikern Argentiniens und gilt als Volksheld!
Quellen: Zeitungsarchiv Motorsport Yesterday, Achim Schlang "Die Formel 1 Asse unserer Zeit", Nigel Roebuck "Stars der Formel 1", Heinz Prüller "Grand Prix-Story 1978", Heinz Prüller "Grand Prix-Story 1980", Heinz Prüller "Grand Prix-Story 1981".
Aufruf: Wir möchten die Erinnerung an die Grand-Prix-Piloten der guten alten Zeit (insbesondere auch an Carlos Reutemann) lebendig halten. Du hast einige dieser Fahrer noch persönlich erlebt oder sogar kennengelernt und möchtest deine Fotos, Geschichten oder Anekdoten mit uns teilen? Dann freuen wir uns sehr auf deine Nachricht: f1yesterday@gmx-topmail.de (Danke!)
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