FITTIPALDI

Die Emerson Fittipaldi Story


Maria Helena mit Emerson Fittipaldi, WM 1972 (c) Adrian Wirz Fotografie
Maria Helena mit Emerson Fittipaldi, WM 1972 (c) Adrian Wirz Fotografie


"Noch 5 Runden. Die 73. Auflage des Indy 500 wird dramatisch zu Ende gehen. Fittipaldi blockt einen weiteren Angriff von Al Unser jr. Der Rennfahrer, der in seinem Leben schon fast alles verloren hat. Seine Karriere, sein Geld, seine Familie..." (Heinz Prüller, 1989)               

Wir befinden uns beim größten Tagesevent im Weltsport: 250.000 Zuschauer auf den Tribünen, weitere 100.000 im Infield. Unser jr. und Fittipaldi jagen wie entfesselt durch das Oval mit seinen vier Steilkurven. Ihre Ehefrauen Shelly und Teresa stehen Kopf, das Publikum tobt. Alle anderen Fahrer sind längst mehrfach überrundet. In unserem Lokal läuft dieses Spektakel LIVE auf Premiere. Noch drei Runden. Little Al übernimmt die Führung, doch Emmo setzt auf der Innenbahn zum Konter an. Die Reifen berühren sich und Unsers Wagen dreht sich in die Mauer. Ein unfassbares Finish. Emerson Fittipaldi gewinnt das Indy 500. Indianapolis 1989 - der größte Sieg seiner Karriere!


Marc Surer (F1 Rennfahrer & TV Experte), 1989: "Sein Nationalstolz hat ihn viele Jahre seiner Karriere und mögliche weitere WM Titel gekostet. Heute in der amerikanischen CART Serie brilliert er wie vor 15 Jahren. Schnell, aggressiv und mit großer Klasse."

Das Jahr 1978 verändert mein Leben. Ich entdecke die Formel 1. In Bayern ist das vorzugsweise die vierte Programmtaste (ORF 1). Mehr als 10 Jahre verfolge ich jeden Grand Prix. Ich genieße die Zeit, in der die Autos breit, die Slicks fett, die Girls noch Groupies und vor allem die Fahrer noch richtige Charaktere sind. Doch die Typen verschwinden immer mehr. 1993 wird zum Wendepunkt. Der amtierende Formel‑1‑Weltmeister Nigel Mansell (aktiv von 1980 bis 1995) wechselt nach Amerika. Saisonauftakt in Surfers Paradise. Eurosport überträgt LIVE. Ich blicke auf die Startaufstellung. Es wird emotional! Da sind sie wieder: Vor allem Emerson Fittipaldi (1970-1980), dann Mario Andretti (1968-1982), Eddie Cheever (1978-1989), Bobby Rahal (1978), Stefan Johansson (1980-1991), Raul Boesel (1982-1983), Teo Fabi (1982-1987) und Danny Sullivan (1983). Sie haben sich längst in der CART Serie etabliert. In Indianapolis geht auch Nelson Piquet (Formel 1 von 1978-1991) an den Start...


Nelson Piquet (Dreifacher F1 Weltmeister): "Emerson Fittipaldi ist der größte und wichtigste Fahrer, den Brasilien je hatte. Er war Formel Ford Champion, F3 Champion, F1 Champion und hat etwa 2000 Brasilianern den Weg geebnet, das zu tun, was er getan hat. Er hat die Karriere von uns allen gelenkt."


Britischer Formel 3 Champion 1969 

Formel 1 Weltmeister 1972 & 1974 

PPG IndyCar Champion 1989

Indy 500 Sieger 1989 & 1993



Roger Benoit (Journalist), 1973: "Er schrie einige krähende Laute in das Spitalzimmer und strampelte mit seinen Beinchen. Der Weltmeister war geboren."

So beginnt am 12. Dezember 1946 in São Paulo die Story von Emerson Fittipaldi. Im Herzen des brasilianischen Kaffeehandels. Sein Vater, Wilson Barão (der Baron) Fittipaldi sen. (1920–2013), arbeitet als Motorsportjournalist und Radiokommentator und bringt die Rennerfolge von El Chueco (dem Krummbeinigen) Juan Manuel Fangio live ins heimische Wohnzimmer. Mutter Józefa Juze Wojciechowska (1921-2006) ist eine ambitionierte Rennfahrerin im Tourenwagensport. Sie hat polnische Wurzeln und wuchs in Kiew (Ukraine) auf. Im hohen Alter ziehen Wilson und Juze 2005 ins warme Rio de Janeiro. Die Wurzeln der Familie Fittipaldi liegen in Süditalien: Großvater Pasquale Fittipaldi stammt aus dem Dorf Trecchina in der Region Basilikata, während Großmutter Enrichetta Rignani als Tochter italienischer Einwanderer bereits in Brasilien zur Welt kommt. Auch sein älterer Bruder Wilson Wilsinho Fittipaldi jun. (1943-2024) entdeckt früh die Begeisterung für den Rennsport.

Ende der 1940er-Jahre hat Brasilien mit Francisco Sacco Landi (1907–1989) bereits einen Spitzenrennfahrer in Europa. Chico nimmt regelmäßig an Grand-Prix-Veranstaltungen teil und startet von 1950 bis 1956 in der Automobil-Weltmeisterschaft. Wilson Fittipaldi sen. unterstützt seinen Landsmann in Europa. Währenddessen fährt der junge Emerson Seifenkistenrennen und träumt davon, eines Tages ein weiterer großer südamerikanischer Rennfahrer zu sein. Talent, Wille und ein großes Herz zeichnen ihn aus. Mit  Bruder Wilsinho wird geschraubt, gebastelt und gerast. Mit 14 Jahren nimmt Emerson bereits an Motorradrennen teil, später folgten Wettbewerbe mit Hydroplane-Booten sowie nahezu allen Fahrzeugen mit vier Rädern. Fittipaldi wird mehrfacher Kart-Meister von São Paulo und brasilianischer Landesmeister. Ab 1967 kommen der nationale Formel-V-Titel sowie mehrere Siege bei Sportwagenrennen hinzu. Nächstes Ziel ist Großbritannien. Emerson verkauft seinen gesamten Kram - seine gesamte Rennsportausrüstung - und steigt ins Flugzeug...


Emerson Fittipaldi, 1969: "Ich ziehe es vor, ein Rennen anzuführen, denn der erste Platz ist der sicherste auf einer Rennstrecke."

Frank Williams (1942–2021) ist der Erste, den Emerson in England aufsucht. Dieser erklärt, dass er ihm zwar einen Titan besorgen kann, der Liefertermin jedoch unklar ist. Auf Anraten von Denny Rowland kauft Fittipaldi daraufhin einen Merlyn Mk11A. Das erste Rennen bestreitet Fitti im April 1969 in Zandvoort. Tony Trimmer (geboren 1943) startet von der Pole Position. Emerson im hellorange lackierten Merlyn direkt dahinter. Der Brasilianer mit den langen schwarzen Kotletten übernimmt sofort die Führung. Die Formel-Ford-Stars um James Hunt (1947-1993) und Dave Walker (1941-2024) sehen nur seinen Auspuff. Fittipaldi kann kaum glauben, wie weit er vor den anderen liegt. Das Nächste, was er mitbekommt, ist, dass sein Motor hochgeht. Doch der Auftritt zeigt, wie konkurrenzfähig er ist. In Snetterton sichert sich Fitti beispielsweise mühelos die Pole-Position, fährt die schnellste Rennrunde und führt das Rennen vom Start bis ins Ziel an. 

Nach neun Formel Ford-Starts mit mehreren Podiumsplatzierungen, darunter drei Siege, wird Fittipaldi mitten in der Saison vom Formel-3-Team von Jim Russell unter Vertrag genommen. 1969 gilt die britische Formel 3 als die Nachwuchsformel schlechthin. Die Fahrer gehen mit höchstem Einsatz ans Werk. Es wird gefightet, dass die Fetzen fliegen. Russell organisiert über Colin Chapman (1928-1982) und Mike Warner von Lotus Components einen Lotus 59 . Den magischen Merlyn verkauft Fittipaldi an Colin Vandervell. 1971 wird er von Jody Scheckter (geb. 1950) gefahren. Fitti zeigt auch im F3 seine Klasse und erkennt schnell, dass der sicherste Platz an der Spitze des Feldes liegt. Am Steuer des Jim-Russell-Wagens gewinnt er acht von elf Rennen und den prestigeträchtigen Titel. Vor dem letzten Lauf der MCD-Lombard-Meisterschaft liegt Alan Rollinson (1943–2019) noch knapp vorne, kann jedoch wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht starten. Emerson Fittipaldi gewinnt das Regenrennen in Brands Hatch vor Bev Bond (1938–2013) und Dave Walker, alle im Lotus 59.


Emerson Fittipaldi, 1970: "Ich habe in der Formel 2 bisher viel gelernt, darf gegen die ganz Großen fahren und ihnen bei der Arbeit zusehen. Der Leistungsunterschied zwischen der Formel 3 und Formel 2 ist nicht so groß wie der Sprung in die Formel 1. Hier verdoppeln sich die PS. Die Wagen sind viel schneller. Es ist schwierig die richtigen Bremspunkte zu finden und das Auto am Limit zu bewegen."

1970 erhält Fittipaldi im Bardahl-Team ein Cockpit in einem werksunterstützten Lotus 69 Formel-2-Wagen. Zu Beginn der Saison belegt er auf dem anspruchsvollen Montjuïc-Park-Kurs den dritten Platz und knüpft mit einem vierten Rang beim Eifelrennen auf dem Nürburgring sowie weiteren dritten Plätzen in Crystal Palace und Rouen daran an. Diese Erfolge, ergänzt durch einen fünften Platz in Enna auf Sizilien, einen zweiten Rang in Imola und einen vierten Platz in Hockenheim, reichen aus, um ihm den dritten Platz in der Formel 2 zu sichern. Allerdings haben 13 der 21 Rennen keinen Meisterschaftsstatus. Europameister wird Clay Regazzoni (1939-2006) vor Derek Bell (geb. 1941). Dieter Quester (geb. 1939), Ronnie Peterson (1944-1988) und François Cevert (1944-1973) belegen die Plätze vier bis sechs. Die Tür zur Formel 1 öffnet sich... 

Nach rund 30 Formel-Einsätzen darf Fittipaldi im Juli in einen veralteten Lotus 49C sein Formel 1-Debüt geben. Dank Colin Chapman als dritter Fahrer neben Jochen Rindt (1942-1970) und John Miles (1943-2018). Der österreichische Motorspot-Journalist Helmut Zwickl (1939-2025) bemerkt daraufin treffend, dass es eine schamlose Untertreibung wäre, Emerson Fittipaldis Aufstieg in die Formel 1 als raketenartig zu bezeichnen. Trotz des Ausfalls des vierten Gangs fährt Fittipaldi in Brands Hatch ein flüssiges, ruhiges und kontrolliertes erstes Rennen ohne Zwischenfälle und belegt den achten Platz. Nach dieser soliden Leistung tritt Emerson mit demselben Wagen beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim an. Dort fährt er ein starkes Rennen und belegt hinter Rindt, Ickx und Hulme den vierten Platz. In Österreich wird er durch technische Probleme ausgebremst und landet am Ende des Feldes. Jochen Rindt sagt im Freundeskreis bereits voraus, dass dem Fitti bald Flügel wachsen. Auch Nina Rindt und Maria Helena verstehen sich auf Anhieb. 


Colin Chapman (Teamchef Lotus), 1970: "Egal was passiert. Du musst die Ferraris schlagen. Wegen der Meisterschaft."

Für den Großen Preis von Italien erhält Emerson einen der neuesten Lotus 72. Im Training verfehlt er in der Südkurve seinen Bremspunkt und verunfallt mit hoher Geschwindigkeit. Emerson bleibt unverletzt, doch der neue Wagen ist ein Totalschaden. Am folgenden Tag verunglückt sein Teamkollege Rindt an derselben Stelle der Strecke tödlich. Eine Tragödie. Das Gold Leaf Team Lotus zieht sich vom Rennen zurück und verzichtet zudem auf die Teilnahme am Großen Preis von Kanada. Watkins Glen ist Fittipaldis vierter Grand Prix. Jacky Ickx (geb. 1945) im Ferrari wahrt seine Titelchancen, startet von der Pole-Position und übernimmt zunächst die Führung. Eine defekte Benzinleitung wirft den Belgier jedoch zurück. Zwischenzeitlich führt Pedro Rodríguez (1940-1971), doch auch der Mexikaner muss wegen Benzinmangels an die Box. Emerson trifft fast der Schlag, als man ihm P1 zeigt. Er schaut in den Rückspiegel und denkt Pedro will ihn überrunden, das Zeichen sei für ihn. Aber hinter ihm ist niemand. So steht Fittipaldi beim vierten Start bereits unter dem Lorbeerkranz. Mit diesem Sieg sichert er Jochen Rindt den postumen Weltmeistertitel. Nach einem Motorschaden beim Saisonfinale in Mexiko beendet Fittipaldi die Saison als WM-10.


Emerson Fittipaldi (2020): "Colin Chapman war phantastisch. Er war mein Mentor und ein Genie. Nach dem Qualifying hab ich immer mit ihm zusammengesessen. Wir haben das Auto analysiert und er konnte exakt nachvollziehen, was es auf der Strecke machte und es verbessern."

Nach dem Tod von Jochen Rindt stellt Colin Chapman sein Team für die Saison 1971 grundlegend neu auf. Der Lotus Ford 72 tritt nun in den eleganten Farben von John Player Special auf – Schwarz mit goldenen Ornamenten. Emerson Fittipaldi wird zur neuen Schlüsselfigur des Teams und startet als Nummer 1 im Alter von nur 23 Jahren. Eine enorme Verantwortung. Als zweiter Fahrer wird der Schwede Reine Wisell (1941–2022) nach den beiden Rennen der Vorsaison fest verpflichtet. Doch das Jahr verläuft enttäuschend. Erst mit der Weiterentwicklung 72D gelingt in Monaco der Sprung in die Punkte. Das Rennen in den Niederlanden verpasst Emerson aufgrund von Verletzungen, die er sich bei einem Verkehrsunfall zuzieht. Es folgten zwei dritte Plätze in Großbritannien und Frankreich sowie ein zweiter Platz beim Großen Preis von Österreich – seine besten Resultate der Saison. Emerson belegte am Ende den sechsten Rang in der Fahrerwertung. Chapman hat weiterhin großes Vertrauen in Fittipaldis Können und weiß genau, dass ein Fahrer nur dann in Bestform ist, wenn sein Auto zu seiner vollsten Zufriedenheit läuft.


Maria-Helena Fittipaldi (Ehefrau), 1972: "Wenn es einen Rennfahrer gibt, der am Start völlig ruhig bleibt, weder hektisch noch nervös wird und mit dem man bis zuletzt reden kann, dann ist es Emerson."

Emerson Fittipaldi zeigt 1972 im Lotus Ford 72D den Fahrstil eines wahren Champions. Nach einem Aufhängungsschaden beim Saisonauftakt in Argentinien wird Fittipaldi Zweiter in Südafrika und siegt in Spanien (Jarama). Mit einem dritten Rang im Fürstentum von Monaco übernimmt er die Führung in der Weltmeisterschaft. Es folgten weitere Siege in Belgien, Großbritannien (Brands Hatch) und in Österreich. Dazwischen ein guter zweiter Platz in Frankreich und ein Getriebeschaden in Deutschland. Bereits in Monza kann Fittipaldis erster Meisterschaftstitel gesichert werden. Da allerdings die rechtliche Untersuchung von Rindts Unfall 1970 noch nicht abgeschlossen ist, befürchtet Chapman eine Vorladung und die Beschlagnahmung der Wagen. Die Rennorganisatoren versichern dem Team schließlich, dass dies nicht geschehen wird. Doch auf dem Weg nach Italien verunglückt ein Teamtransporter. So muss Emerson als Dritter im Ersatzwagen starten. Nach dem Ausfall der beiden Ferraris von Ickx und Regazzoni übernimmt Fitti die Führung. Er fährt den Titel souverän nach Hause und ist bis dato jüngsten Formel-1 Weltmeister aller Zeiten.


Domingos Piedade (Manager), 1972: "Was wir in den letzten Tagen mit unserem Brasilianer erlebt haben, das glaubt uns in 20 oder 30 Jahren kein Mensch." 

In Fittipaldis Heimat ist Karneval. Brasilien feiert mit ihrem zurückgekehrten Nationalhelden die Formel 1- Weltmeisterschaft. Die Jugend hat nur noch ein Berufsziel: Grand Prix Pilot! Am 30. November 1972 landet der frischgebackene Weltmeister dann nach einem 16-stündigen Flug von São Paulo über Frankfurt auf dem Flughafen Köln, um eine PR-Tour durch Deutschland zu starten. Fittipaldi steigt gut gelaunt aus der Maschine, nur mit Handgepäck und in grüner Samthose. Das erste Abendessen findet im Steakhaus El Gaucho am Barbarossaplatz statt. Auto Zeitung-Sportchef Rainer Braun (1940) und Domingos Piedade (1944–2019) stellen ein mehr als anspruchsvolles Programm auf die Beine: drei Tage Dauerstress mit Interviews, zahlreichen Foto-Shootings und Autogrammstunden. Zu den Höhepunkten zählen zweifellos das Sportpressefest mit der Ehrung zum "Rennfahrer des Jahres" in Köln, die Eröffnung der fünften Motor Show in Essen, ein Auftritt im ZDF-Sportstudio in Mainz sowie die Verleihung der Goldhelme im RAI-Fernsehen in Bologna. Seine Auffassung von Pünktlichkeit ist zwar sehr individuell, doch mit bemerkenswerter Gelassenheit und einem charmanten Lächeln meistert der Lotus-Star sämtliche Verpflichtungen. Im dichten Nebel bringt eine Cessna den Champion am 3. Dezember sicher nach Frankfurt zum Rückflug in die Heimat.


Maria-Helena Fittipaldi (Ehefrau), 1972: "Sein Lächeln hat mich sofort fasziniert. Doch als wir heirateten, kannten wir uns kaum. Wir mussten uns erst zusammenleben. Nun aber schweben wir im siebten Himmel."

Emerson ist kameradschaftlich, hilfsbereit, etwas schüchtern und bescheiden. Die Frau an seiner Seite heißt Maria Helena Dowding (Jahrgang 1948). Sie ist von bezaubernder Ausstrahlung, überaus freundlich und offen. Ihre Eltern stammen aus England, doch Maria Helena lebt seit ihrer Geburt in Brasilien und arbeitet bei der Fluggesellschaft British United am Ticket-Schalter. Im Dezember 1969 begegnen sie einander am Flughafen von São Paulo. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Wie aus einem Groschenroman. Für die Hochzeit finden sie während eines Kurzurlaubes am 31. März 1970 eine Turnhalle in einem kleinen englischen Nest. Das Paar trägt Blue Jeans und Pullover. Es soll schnell gehen. 


Heinz Prüller (Journalist), 1972: "Wenn jemand von allen Seiten als phantastischer Bursche betrachtet wird, wenn in jedermann wegen seiner Freundlichkeit mag und wenn er noch dazu fast an jedem Wochenende die gesamte Weltklasse bezwingt - was will man dann noch mehr."

In Hethel befindet sich die Lotus-Fabrik. Gleich um die Ecke (Norwich) hat Emerson seine überschaubare Arbeitswohnung. Das Domizil der Fittipaldis liegt dagegen in den Wäldern des 1100-Seelen-Ortes Lonay bei Lausanne am Genfersee (Schweiz). Ein gemietetes Zweifamilienhaus für 2000 Franken im Monat. Im Vergleich zur Stewart-Residenz, der Villa Clayton House, wirkt es wie ein bescheidenes Gartenhäuschen. Das Erdgeschoss bewohnt Emerson mit Maria Helena. Im  ersten Stock lebt Bruder Wilson jr. mit seiner Ehefrau Suzy Hardtmeier (Jahrgang 1944), deren Eltern aus Schaffhausen stammen. Ihr Sohn Christian erblickt 1971 das Licht der Welt.  


Stappert Dieter (Journalist, 1973): "Ich habe gelernt, dass ein Brasilianer einfach nicht pünktlich sein kann, schon gar nicht, wenn er so freundlich ist wie Emerson Fittipaldi. Er wird unterwegs von vielen Leuten angesprochen. Nein zu sagen oder ich hab es eilig bringt er nicht übers Herz."

150.000 Brasilianer feiern ihren Volkshelden nach seinem Sieg in Interlagos. Fittipaldi wird von Termin zu Termin gereicht, während sein Wohnwagen im Fahrerlager leer steht. Selbst am Tag danach ist der Weltmeister noch unterwegs, während sich immer mehr Freunde, Mechaniker und Journalisten im Wohnhaus in Morumbi (Rua Leonor Quadros 290) versammeln. Unter den Gästen des Fittipaldi-Clans befindet sich auch Heinz Prüller. Der ORF-Kommentator verbringt den Tag am Swimmingpool, zieht einige Bahnen und plaudert mit Maria-Helena. Im März soll die Dokumentation O Fabuloso Fittipaldi in die Kinos kommen. Gegen Abend schaut der Weltmeister vorbei und nimmt seine Gäste mit in die Stadt zum Essen. Der Fittipaldi-Clan verbringt auch viel Zeit im Sommerhaus des Vaters am Strand von Guarujá. Emerson kaufte gemeinsam mit Wilson die benachbarten Grundstücke, auf denen ein Pool und Garagen für ihren Fuhrpark entstehen.


James Hunt (F1 Weltmeister), 1973: "Der Brasilianer kann schon mal hysterisch werden, wenn die Dinge nicht so gut laufen. Er ist auch nicht so schnell wie Ronnie Peterson, aber sehr clever auf der Strecke. Fittipaldis Leader-Position im Team hätte mehr respektiert werden sollen."

Chapman verpflichtet für die Saison 1973 den schnellen Schweden Ronnie Peterson als gleichberechtigte Nummer eins. Der Weltmeister präsentierte sich in Topform und startet mit zwei Siegen in Buenos Aires und Interlagos eindrucksvoll in die Saison. Auch in Südafrika steht er auf dem Podium. Besonders bemerkenswert ist sein Sieg in Barcelona, den er trotz eines Reifenschadens am linken Hinterreifen in den letzten Runden errang. Es war das Premierenrennen mit dem neuen Lotus 72E – ein historischer Erfolg. Die Mission Titelverteidigung verläuft zunächst nach Plan. Nach Platz drei in Belgien und Rang zwei in Monaco folgt jedoch ein unerklärlicher Leistungseinbruch, begleitet von technischen Defekten und dem Unfall mit Jody Scheckter in Frankreich. Als Peterson in der zweiten Saisonhälfte größere Erfolge feiert, ist Fittipaldi mit der Teamaufteilung alles andere als zufrieden. In Monza versäumt es Chapman beispielsweise, den führenden Schweden anzuweisen, das Tempo zu drosseln und Fittipaldi vorbeizulassen. Auch das Ergebnis in Kanada fällt kurios aus. Nach einer Kollision zwischen Ceverts Tyrrell und Scheckters McLaren kommt in der Formel 1 erstmals ein Pace Car zum Einsatz, das jedoch nicht vor dem führenden Fittipaldi auf die Strecke geht. Peter Revson wird schließlich als Sieger gewertet. Jackie Stewart sichert sich damit seine dritte Weltmeisterschaft vor Emerson Fittipaldi und Ronnie Peterson.


Kahnt Erich (Journalist), 2024: "In der Formel 1 war Emerson Fittipaldi kein Rindt, kein Stewart, kein Peterson und auch kein Lauda. Er war selten der Dominator der Rennen. Aber er war ein sehr intelligent agierender Pilot, der die Blicke für Tabelle und Rennverläufe in seine Renntaktik einbezog, und er war immer wieder da, wenn andere patzten oder ausfielen."

Am Ende des Jahres 1973 trennen sich die Wege von Chapman und Fittipaldi. Emerson wechselt in das Team von Teddy Mayer. Sein Teamkollege ist Altmeister Denis "Denny" Hulme (1936–1992) aus Neuseeland. Auch im McLaren Ford M23 gehört er zur Spitzengruppe. Fittipaldi bleibt ein Spitzenfahrer, doch die Angriffslust der Jahre 1970 bis 1972 ist nicht mehr in gleichem Maße vorhanden. Er fährt nun rationaler und besonnener. Bereits beim zweiten Saisonlauf in Interlagos stellt Fittipaldi den von Marlboro gesponserten Wagen auf die Pole Position und gewinnt das Rennen. In Belgien steht der Brasilianer erneut ganz oben auf dem Podium. Weitere gute Platzierungen folgen. Doch das Duo Niki Lauda (1949–2019) und Clay Regazzoni fährt die Scuderia Ferrari zurück an die Spitze. Durch den zweiten Platz in Italien und den Sieg in Kanada reist er als Titelanwärter punktgleich mit Regazzoni zum letzten Saisonrennen nach Watkins Glen. Auch Lauda bleibt noch im Titelrennen. Aber beide Ferraris bleiben punktelos, sodass Emerson Fittipaldi mit einem vierten Platz seinen zweiten Weltmeistertitel sichert.





Quellen:

Amati Luigi, Wilson Fittipaldi sen. (Archiv-Artikel)

Püller Heinz, Grand Prix Story (Buchreihe), 1970-1980

Prüller Heinz, Der Thronfolger (Auto & Sport), 1972

Pritchard Anthony, The World Champions (Buch), 1973

Benoit Roger, Emerson Fittipaldi (Biografie), 1973

Stappert Dieter, Emerson Fittipaldi (Rallye Racing), 1981

Redaktion, Bei fast 400 wird's ungemütlich (Rallye Racing), 1987

Zwickl Helmut, Der letzte von Gestern (MSA), 1996

Ludvigsen Karl, Emerson Fittipaldi (Biografie), 2002

Ewald Klaus, Emerson Fittipaldi (Artikel)

Distler Tom, Reportage Jochen Mass (Interview), 2005

Zeitler Michael, Emerson und Wilson Fittipaldi (Artikel)

Stappert Dieter, Der Kolumbus aus Brasilien (MSA), 2006

Braun Rainer, Hallo Fahrerlager 2 (Buch), 2008

Donaldson Gerald, James Hunt (Biografie), 2009

Fittipaldi Emerson, Emmo - A Racers Soul (Buch), 2014

Redakteur, Interview Emerson Fittipaldi (Automobilsport)

Kahnt Erich, Portrait Emerson Fittipaldi (Artikel), 2024

Archiv Motorsport Yesterday, (Zeitschriften), 1970-2006

Wikipedia, Emerson Fittipaldi, 2026